Genosse Crowdfunder

CrowdFundBeat.de Eric Schreyer, 19.06.2014 – In Genossenschaften wird Verantwortung solidarisch geteilt. Diese Form der Solidarität macht das Wissen und die Erfahrungen der Genossen für den Zweck des gemeinsamen Projekts nutzbar. Von Anfang an tritt an die Stelle der informellen Zusammenarbeit, die für junge Unternehmen typisch ist, eine formelle Organisation, die sich in Jahrzehnten bewährt hat. Dadurch werden unnötige Diskussionen und andere Reibungsverluste vermieden. Genossenschaften sind urdemokratisch verfasst. Jedes Mitglied hat nicht mehr als eine einzige Stimme, unabhängig von der Anzahl der erworbenen Genossenschaftsanteile: Ein Mensch, eine Stimme. Für großangelegte Projekte, deren Erfolg von der  Mitwirkung ihrer Unterstützer abhängt, ist die Rechtsform der Genossenschaft ideal.

Wiederholt sich die Geschichte der Genossenschaftsgründungen?

Wir befinden uns an einem kritischen Wendepunkt der dritten industriellen Revolution. In unserer schönen neuen Welt ist alles und jeder digital. Und die Kontrolle über all das liegt bei den Internetgiganten Google und Facebook. Schon vor Jahrzehnten wusste Norbert Wiener, dass diese durch Konkurrenzwut angetriebene Monopolisierung zwangsläufig ist und mit einer Wegrationalisierung geistiger Arbeit einhergeht. In seinem 1948 erschienenen Buch zur Kybernetik schreibt er sinngemäß: Es kann nicht gut sein, dieses neue Kräfteverhältnis zwischen Automaten und Menschen in den Wertbegriffen des Marktes abzuschätzen. Er hat recht. Der diesjährige Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels knüpft an diese Erkenntnisse an. Aus der Begründung des Börsenvereins: “Bei ihm wird der Missbrauch von Datenmengen durch Konzerne, Geheimdienste und Regierungen genauso thematisiert wie die Gefahr für jeden einzelnen, seine Individualität aufs Spiel zu setzen, insbesondere wenn der Mensch sich intellektuell auf das in der Regel niedrigere Niveau einlässt. Die radikale Reduzierung unserer Persönlichkeiten im Netz, so Lanier, kann und wird unser reales Ich beeinflussen. Was Jaron Lanier im Besonderen auszeichnet und ihn von anderen Kritikern unterscheidet, sind die Lösungsansätze, die er neben aller Kritik in seinen Büchern und Artikeln zur Diskussion stellt. Mit der Forderung nach einem digitalen Humanismus setzt er sich für die Selbstbestimmtheit des Menschen ein, sowohl in der realen Welt als auch in der virtuellen Realität. Hierzu gehört neben dem Schutz des geistigen Eigentums, um die kreative Leistung der Menschen nicht zu beeinträchtigen, auch das Recht eines Jeden auf seine im Netz befindlichen Daten.”

Im Zuge der weit hinter uns liegenden zweiten industriellen Revolution führten derartige Umwälzungen und Neuorientierungen gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur Gründung von Genossenschaften. Die Genossenschaftspioniere wollten die weit verbreiteten Notlagen überwinden, die ganze Bevölkerungskreise betrafen. Ihnen ging es um den Aufbau eines selbsttragenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fundaments. Aber in Eigeninitiative und selbstbestimmt! In der digitalen Moderne wiederholen sich diese schweren Zeiten, wie man an den zahlreichen Prekariaten des geistigen Schaffens unschwer erkennt. Der Genossenschaftsgedanke lebt also weiter.

Crowdfunding gleicht der Genossenschaftsidee

Die Genossenschaft ist eine Kooperationsform. Auch beim Crowdfunding schließen sich Menschen zusammen, die dadurch vor allem für sich selbst ein passendes Angebot schaffen wollen. Ein aktuelles Beispiel ist das neue Onlinemagazin Krautreporter. Anspruchsvolle und netzaffine Leser lassen sich nicht länger mit den Erzeugnissen des kaputten Onlinejournalismus abspeisen. Sie wollen keine von Maschinen erzeugten Nachrichtenportale, sondern von Menschen sorgfältig und mit Herzblut recherchierte Geschichten, die emotional berühren und Themen aufgreifen, die kein anderer Herausgeber bringt. Mehr als 17.000 Leser haben eine Gemeinschaft gegründet, die eine völlig neue Form des Produzierens journalistischer Inhalte verwirklichen will. In allerkürzester Zeit, die erste Ausgabe des Krautreporter ist für September/Oktober dieses Jahres geplant. Die Inhalte sollen auf die individuellen Erwartungen des “Clubs der Krautreporter” abgestimmt und damit flexibler werden. Ein weiterer wichtiger Aspekt: Anders als im gegenwärtigen Onlinejournalismus üblich, werden die Autoren des neuen Magazins fair bezahlt.  Mehr als 17.000 Leser solidarisieren sich mit etwa 30 Autoren.

Genossenschaften machen den Unterschied

Eine Genossenschaft versteht sich als Interessengemeinschaft von Personen beziehungsweise von Personen und Unternehmen, die aus privaten oder wirtschaftlichen Gründen Zugang zu klar umrissenen Leistungen haben wollen. Diese Selbsthilfeorganisationen existieren nicht, um Gewinne zu erzielen, sondern um für ihre Mitglieder ein passendes Angebot zu schaffen. Genossenschaften beruhen auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe durch organisierte Zusammenarbeit. Aber die Mitglieder von Genossenschaften sind nicht nur Konsumenten.Von ihnen wird durchaus erwartet, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten Eigenleistungen erbringen. In einer digitalen Welt bestehen diese Beiträge aus Informationen, Erfahrungen und Wissen. Dabei ergibt sich in der Praxis ein nützlicher Nebeneffekt: Die Ressourcen der einzelnen Mitglieder werden nicht nur mit dem Unternehmen, sondern auch mit allen anderen Mitgliedern geteilt. Flexibilität, Teilhabe und Transparenz sowie die Individualität des Angebots unterscheiden Genossenschaften von anderen Unternehmen.

 

Vergleich der Prinzipien

 
Genossenschaften
Crowdfunding
EntstehungNotlagen durch zweite industrielle Revolution.Monopolisierungen des Angebots durch dritte industrielle Revolution.
OrganisationSelbstbestimmung, Selbstverwaltung, Selbstorganschaft, Selbstregulierung.Durch Eigeninitiative entstehende Kooperationsformen im Internet.
FreiheitFreiwillige, offene Mitgliedschaft.Kein Ausschließen von Personen oder Gruppen.
GewinnstrebenIm Vordergrund steht der Förderzweck. Gewinn dient allein der Förderung der Mitglieder.Im Vordergrund steht die Schaffung eines individuellen Angebots, das der Markt nicht bietet. Gewinne sind Mittel zum Zweck, nicht Selbstzweck.
Beziehung der Beteiligten untereinanderVertrauen und Genossenschaftsgeist.Community, Gleichheit und Gerechtigkeit. Lösung sozialer Probleme. Kulturelle Bereicherung.

 

Durch Crowdfunding finanzierte Genossenschaften

Maria Gross, Social Impact Lab: “Ich bin Genossin bei Fairnopoly, weil ich glaube, dass wir alles bewusster konsumieren sollten. Fairnopoly gibt uns Online die Chance dazu – und deswegen bin ich gerne ein Teil davon”. Jorge Inostroza, GEPA: “Für Veränderungen in der Gesellschaft benötigt es mehr Mut – bei Fairnopoly erleben wir viele junge mutige Menschen. Wir freuen uns auf die Zusammenarbeit mit Fairnopoly, wünschen der Genossenschaft einen erfolgreichen Start, viele Mitglieder und viel Erfolg auf dem Weg zu mehr Transparenz in Onlinehandel und Gesellschaft!” Im Rahmen der bei Startnext durchgeführten Crowdfunding-Kampagne schrieben die Initiatoren: “Viel zu häufig funktioniert Wirtschaft nach dem Prinzip eines nicht ganz unbekannten Brettspiels: Man handelt, um auf Kosten von anderen möglichst viel Profit zu machen. Bei Fairnopoly drehst Du das Spiel um: Wir möchten ein Unternehmen aufbauen, das konsequent fair ist. Auf den ersten Blick ist Fairnopoly ein Online-Marktplatz, auf dem alles gehandelt werden kann, was man möchte. Fairnopoly wird eine Genossenschaft 2.0: Bereits mit einem niedrigen Einsatz von 50€ können sich die Nutzer*innen an dem Unternehmen beteiligen und – wenn gewünscht – sich aktiv in das Unternehmen einbringen. Die Beteiligung ist dabei auf maximal 10.000€ pro Person begrenzt. Wie bei jeder Genossenschaft gilt pro Mitglied eine Stimme – unabhängig von der Zahl der Anteile. Zudem ist Fairnopoly konsequent transparent und verhält sich nach innen und außen fair. So wird z.B. die Geschäftsführung von den Mitarbeiter*innen gewählt und das höchste Gehalt darf nicht mehr als dreimal so hoch sein wie das niedrigste.”

Das Mitbestimmungs-Tool der Zukunft: brabbl. Die Gründer schreiben bei Startnext: “brabbl ist ein Werkzeug, das breite Mitbestimmung in der Gesellschaft, in Unternehmen sowie im Privaten einfach umsetzbar macht. brabbl ermöglicht geordnete Diskussionen und faire Abstimmungen und schafft so die Grundlage für Entscheidungen, die auf den besten Argumenten basieren. Die brabbl eG ist ein faires, unabhängiges und transparentes Unternehmen an dem ihr alle teilhaben könnt indem ihr jetzt Anteile zeichnet: brabbl soll euch gehören!”

Genossenschaften als bessere Crowdfunding-Plattformen?

Martin Weigert, netzwertig.com, schrieb Anfang dieses Jahres: “Wenn das digitale Aufrüsten die Gesellschaft finanziell zunehmend in eine kleine Gruppe Gewinner und eine große Gruppe Verlierer aufspaltet und die mächtigen Plattformen und Netzwerke dabei Triebkräfte einer ungleichen Wohlstandsverteilung darstellen, empfiehlt es sich, über kreative Auswege aus dieser Situation nachzudenken. Einer der naheliegendsten Lösungsansätze spielte beachtlicherweise bislang in der öffentlichen Diskussion so gut wie gar keine Rolle, was sich aber vielleicht gerade ändert: Der Betrieb führender Onlinedienste als gewinnorientierte, aber von den Nutzern beziehungsweise Mitgliedern getragenen Genossenschaften.”

Crowdfunding im Rahmen von Sozialgenossenschaften

Crowdfunding funktioniert nach dem Prinzip, einer Community das von ihnen gewünschte Angebot an Lösungen für gesellschaftliche oder soziale Probleme zu geben beziehungsweise spezifische Produkte oder Dienstleistungen zu verschaffen, die der Markt nicht bereitstellt. Im Idealfall wird das gesammelte Geld diesem Zweck zu 100 Prozent zugeführt. Außerdem möchte die Community frei von Fremdbestimmung sein. Deshalb sind Plattformen, die als Vermittler von Crowdfunding-Projekten auftreten, ein Schritt rückwärts, also in die falsche Richtung. Möglicherweise sind Sozialgenossenschaften besser geeignet. Was sind Sozialgenossenschaften? Allgemein formuliert sind sie eine innovative Form organisierter bürgerschaftlicher und unter­nehmerischer Selbsthilfe. Dabei zeichnen sie sich durch eine Form der Selbsthilfe aus, die sich wirtschaftlich selbst trägt.

Gründung und Aufbau von Genossenschaften werden durch die Ausgabe von Genossenschaftsanteilen finanziert. Die Ausweitung der unternehmerischen Tätigkeit und der Erfolg sind also von der Fähigkeit abhängig, Genossenschaftsanteile platzieren zu können. Dies entspricht den Mechanismen beim Crowdfunding. Dabei haben Genossenschaften den Vorteil, dass deren Anteile nicht zu den Vermögensanlagen im Sinne der Regulierung von Finanzmarktdienstleistungen gehören. Bei der Ausgabe von Genossenschaftsanteilen muss also kein teurer Anlageprospekt erstellt werden.

Während man beim Crowdfunding auf das Wohlwollen des Plattformbetreibers angewiesen ist, wenn weitere Finanzierungsmittel aufgenommen werden sollen, geschieht dies bei einer Genossenschaft in eigener Regie. Auch die Wahl des Finanzierungsinstruments steht frei: Mitgliederdarlehen, Genussrechte oder Anleihen.

Prüfung der Mittelverwendung

Das Hamburger Wunderkind Protonet hat in seiner zweiten Finanzierungsrunde bei Seedmatch das Fundingziel schrittweise von € 0,5 Millionen auf derzeit € 3,0 Millionen angehoben.  Bei dieser Größenordnung kommt der eine oder andere Investor ins Grübeln und fragt, wer nun eigentlich die Verwendung dieser Mittel prüft. Die Antwort: Seedmatch unterliegt keiner staatlichen Regulierung. Es gibt keine gesetzlich vorgeschriebene Prüfung. Investoren sind auf das Ermessen und die Sorgfalt von Seedmatch angewiesen. Möglicherweise gibt es vertragliche Regelungen, die für eine Kontrolle sorgen.

Dagegen haben  Genossenschaften eine sehr strenge Selbstregulierung, die den Mitgliedern ein weitaus größeres Maß an Sicherheit und Vertrauen bietet. Jede Genossenschaft ist verpflichtet, einem Prüfungsverband anzugehören. So ist beispielsweise die Gründungsprüfung Voraussetzung für die Eintragung in das Genossenschaftsregister. Im wirtschaftswissenschaftlichen Glossar der Universität Münster steht: “Die Jahresabschlussprüfung der Genossenschaften ist die älteste Pflichtprüfung Deutschlands (seit 1889). Ziel der genossenschaftlichen Pflichtprüfung ist es, die Genossenschaftsmitglieder vor Verlusten ihrer Einlagen oder gar Nachschüssen zu schützen und Gläubiger vor Forderungsausfällen zu bewahren. Anders als bei den Kapitalgesellschaften, bei denen die Jahresabschlussprüfung erst ab einem bestimmten Schwellenwert zur Pflicht wird, ist jede Genossenschaft prüfungspflichtig. Die Genossenschaft kann ihren Abschlussprüfer nicht frei wählen, sondern ist Pflichtmitglied in einem Genossenschaftsverband. Der Verband übernimmt nicht nur die Prüfungstätigkeit, sondern wird regelmäßig beratend tätig (sog. Betreuungsprüfung). Die Genossenschaftsverbände können gleichzeitig Prüfungsaufgaben und Steuer- und Rechtsberatung wahrnehmen, wenn sie für eine interne Trennung zwischen Prüfern und Beratern sorgen (sog. Chinese Wall). Die genossenschaftliche Pflichtprüfung ist intensiver als die Prüfung bei den Kapitalgesellschaften. Sie erstreckt sich neben dem Jahresabschluss und dem Lagebericht auch auf die Geschäftsführung der Genossenschaft. Ein besonderes Merkmal der genossenschaftlichen Pflichtprüfung ist das Recht zur Prüfungsverfolgung. Diese endet nicht, wie die Prüfung der Kapitalgesellschaften, mit der Erstellung des Prüfungsberichts. Der Prüfungsverband hat, auch nach den eigentlichen Prüfungshandlungen, verschiedene Rechte, um eine Beseitigung der im Prüfungsbericht festgestellten Mängel durchzusetzen (Bsp.: das Recht zur Einberufung einer außerordentlichen Generalversammlung).”

Krautreporter

Was einer alleine nicht schafft

Crowdfunding durch Genossenschaften?

Crowdinvesting für digitale Genossenschaften

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