Weniger Geld ist mehr: Crowdsourcing für BanglaBraille

CrowdFundBeat.de Eric Schreyer, 23.06.2014 – Crowdfunding hat immer mit Geld zu tun. In der täglichen Praxis stehen die viel beschworenen nicht-monetären Aspekte, wie Co-Creation oder die Hilfe zur Lösung gesellschaftlicher Probleme, doch eher im Hintergrund. Der Erfolg einer Kampagne wird fast immer entweder daran gemessen, wieviel Geld zusammenkommt oder wieviel Zeit bis zur Erreichung des Fundingziels nötig war. Deshalb tut es gut, über ein Projekt berichten zu können, bei dem Geld keine Rolle spielt. Gespendet wird ausschließlich Zeit, Wissen, Erfahrung und Enthusiasmus: BanglaBraille.

Problem

In Bangladesch kämpft das Projekt BanglaBraille gegen ein Problem, das die lokalen Behörden sträflich vernachlässigen: Sehbehinderte Kinder versäumen jedes Jahr einen großen Teil des Schulstoffes, weil in Blindenschrift gedruckte Schulbücher nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen. Die einzige staatliche Druckerei des Landes kann wegen ihrer mangelhaften technischen Ausrüstung die große Nachfrage nicht termingerecht erfüllen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Herstellung von Büchern in Braille-Schrift verhältnismäßig teuer ist. Pro Exemplar sind es umgerechnet etwa $ 20. Sehr viel Geld für eines der ärmsten Länder der Welt, das ansonsten im Bildungsbereich große Fortschritte gemacht hat.

Crowdsourcing ist die Lösung

Der in den USA lehrende Computer-Wissenschaftler und bangladescher Internetaktivist Ragib Hasan hat darüber nachgedacht, wie man diesen Kindern durch den Einsatz kostenfreier Informationstechnologien helfen kann. Nach kurzer Recherche stellte er fest, dass die bangladescher Schulbehörde im Internet pdf-Versionen der Schulbücher zum Herunterladen anbietet. Allerdings war die Formatierung der Texte für Brailledrucker ungeeignet. Also nahm er sein iPhone zur Hand und sprach das erste Kapitel auf Band. Nach wenigen Minuten war er fertig. Sein erster Gedanke: Wenn die Audiodateien ins Internet hochgeladen werden, können sehbehinderten Kinder mithilfe kostengünstiger MP3-Spieler oder eigener Handys den Schulstoff wenigstens hören. Ein vielversprechender Ansatz. Aber das Hauptproblem war damit noch nicht gelöst, nämlich die Digitalisierung der Schulbücher. Im Hinblick auf die schiere Menge von rund 100 Textbüchern pro Schuljahr eine nicht gerade einfache Aufgabe. Ragibs zweiter Gedanke : Crowdsourcing.  Noch am selben Tag, im Sommer 2013, gründete er eine Facebook-Gruppe und rief dort zur Unterstützung auf. Ganz konkret bat er darum, einen kleinen Teil der Zeit, die man sowieso in den sozialen Netzwerken verbringt, dafür zu nutzen, pro Tag ein Schulbuchkapitel in das für den Brailledruck erforderliche Unicode-Format zu übertragen. Die Resonanz war groß: Innerhalb von 24 Stunden waren mehr als 500 Freiwillige seiner Gruppe beigetreten. In den folgenden Tagen 1.000 und sehr bald 2.000. Heute sind 3.048 Mitglieder in dieser Facebook-Gruppe aktiv.

Crowdsourcing erleichtert den Schulalltag

Im März dieses Jahres, nach etwa neun Monaten begeistertem Crowdsourcing, konnten 24 Audiodateien und 24 digitalisierte Fassungen für Schulbücher aller Klassenstufen veröffentlicht werden. Und die Arbeit geht unvermindert weiter. Das multinationale Bloggernetzwerk Global Voices berichtete unlängst: “Bis jetzt sind schon mehr als einhundert Schulbücher der Klassen eins bis neun und zehn bearbeitet worden. Davon sind bereits einige veröffentlicht und sehr viele Bücher sind mitten im Bearbeitungsprozess und werden bald verfügbar sein. Die Hörbücher lassen sich kostenfrei herunterladen, ebenso die digitalisierten Schulbücher, die mithilfe eines Brailledruckers ausgegeben werden können.” Auch die Deutsche Welle berichtete: “Mein Sohn ist in der zehnten Klasse und hat sein Augenlicht vor kurzem verloren. Er kennt die Braille-Schrift noch nicht und ist abhängig vom Hören, erzählt ein Vater. So habe er angeregt, auch für die höheren Schulklassen Hörbücher anzufertigen, damit sein blindes Kind weiter zur Schule gehen kann. Wie er sind auch andere Eltern ständig auf der Suche nach Online-Content für sehbehinderte Kinder. Mittlerweile wissen sehr viele Eltern, dass sie Hilfe bei Bangla Braille finden können. Die Eltern bedanken sich bei uns für unsere Anstrengungen, andere schicken uns auch herzzerreißende Geschichten über das Leid ihrer Kinder, erzählt Ishtiaq Rouf von Bangla Braille. Manche wünschen sich Audioversionen von bestimmten Büchern. Und unzählige weitere Freiwillige haben uns ihre Hilfe angeboten.

Best Innovation 2014

Die Deutsche Welle hat dieses Projekt gleich zweimal ausgezeichnet: Bangla Braille erhielt beim diesjährigen Best of Online Activism Award, The BOBS, sowohl den Jury-Preis als auch den Publikumspreis in der Kategorie Best Innovation. “In einem Land, wo Bildung schon für Sehende ein Luxus ist, sind die Möglichkeiten für Sehbehinderte äußerst begrenzt. Aberglaube, Vorurteile und ihre Lebenssituation sind Hindernisse, die für sie sehr schwer zu überwinden sind – durch dieses innovative Projekt haben sie bessere Chancen”, sagte Jurymitglied Shahidul Alam.

BanglaBraille auf Facebook

Global Voices Bericht auf Deutsch

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