Crowdinvesting: Regelungslücken schließen?

CrowdFundBeat.de Eric Schreyer, 06.08.2014 – Würde ein Kleinanleger auf die Idee kommen, einen Teil seines Ersparten in partiarische Nachrangdarlehen zu investieren? Wohl kaum. Schon die ungelenke Bezeichnung dieses Finanzierungsinstruments schreckt ab. Würde ein neu gegründetes Unternehmen seinen nahezu gesamten Kapitalbedarf bei einer unabhängigen wirtschaftlichen Betrachtungsweise als rückzahlbares Darlehen aufnehmen? Sicher nicht, denn die Fälligkeitstermine wären wie ein Damoklesschwert für das Startup, das in den Anfangsjahren nicht einmal wissen wird, wo es das Geld zur Finanzierung des Geschäftsbetriebs hernehmen soll. Warum werden trotzdem die meisten Startups, die sich für die noch junge Finanzierungsform des Crowdinvesting entscheiden, durch partiarische Nachrangdarlehen finanziert? Die Antwort ist einfach: Weil es im staatlichen Aufsichtsrecht eine Regelungslücke gibt.

Partiarische Nachrangdarlehen unterliegen nicht der Prospektpflicht

Für ein Startup, das Crowdinvesting in Anspruch nimmt, kann eine Prospektpflicht nach dem Vermögensanlagen-Gesetz (VermAnlG) bestehen. Zu den Vermögensanlagen zählen beispielsweise stille Beteiligungen und Genussrechte. Stille Beteiligungen sind ein Instrument, das sich in der Unternehmensfinanzierung jahrzehntelang bewährt hat. Deshalb hat Seedmatch.de seit dem Start seines  Crowdinvesting-Portals für die ersten 26 Startups ausschließlich stille Beteiligungen vermittelt. Seltsamerweise hatten sämtliche Unternehmen einen Kapitalbedarf in Höhe von € 100.000. Oder? Nein, derartige Zufälle gibt es im Geschäftsleben nicht. Der Betrag von € 100.000 markiert die Grenze, bei deren Überschreitung die Prospektpflicht greift. Die Erstellung eines Anlageprospekts kostet zwischen € 30.000 und € 50.000. Derartig hohe Finanzierungskosten kann sich kein Startup leisten.

Als klar war, dass es für Unternehmen mit einem “einheitlichen” Kapitalbedarf von € 100.000 meistens keine Anschlussfinanzierungen gibt und deshalb sehr schnell nach dem Ende des Crowdinvesting auch das Ende des Startups drohen würde, entdeckten Crowdinvesting-Plattformen wie Seedmatch eine Regelungslücke im staatlichen Aufsichtsrecht: Partiarische Nachrangdarlehen gelten nach dem Gesetz nicht als Vermögensanlagen und sind deshalb unabhängig von ihrer Betragshöhe von der Prospektpflicht ausgenommen. Folgerichtig hat das 27. über Seedmatch finanzierte Unternehmen, nämlich Leaserad mit einer zweiten Finanzierungsrunde, € 220.000 über ein partiarisches Nachrangdarlehen aufgenommen. Wohlgemerkt: Diese Finanzierungsform ist weder im Interesse der Kleinanleger, noch im betriebswirtschaftlichen Interesse des Startups. Partiarische Nachrangdarlehen dienen allein der Umgehung des staatlichen Aufsichtsrechts.

Fehlentwicklungen, die durch das VermAnlG entstanden sind

  • Die Finanzierungsobergrenze für stille Beteiligungen in Höhe von € 100.000 hat ausschließlich rechtliche Gründe. Diese Grenze hat nichts mit dem Kapitalbedarf der zu finanzierenden Unternehmen zu tun. Startups werden durch diese Restriktion latent unterfinanziert und sind von Insolvenz bedroht, wenn es keine andere Möglichkeit zur Anschlussfinanzierung gibt.
  • Partiarische Nachrangdarlehen sind weder im Interesse der Kleinanleger, noch erfüllen sie irgendwelche betriebswirtschaftlichen Anforderungen der Startups. Dieses Finanzierungsinstrument wird nur zu dem Zweck gewählt, das staatliche Aufsichtsrecht zu umgehen.

Fazit

Die Regelungslücke soll jetzt geschlossen werden, indem auch partiarische Nachrangdarlehen künftig den Anlagen im Sinne des VermAnlG zugerechnet werden. Eine weitere Neuregelung: Es muss kein Vermögensanlageprospekt erstellt werden, sofern es sich um eine Vermögensanlage handelt, die je Anbieter den einzuwerbenden Gesamtbetrag von € 1 Million nicht übersteigt und bei denen ein Anleger einen Anteil oder Anteile im Gesamtwert von nicht mehr als 10.000 Euro erwerben kann. Künftig haben also alle Startups einen Kapitalbedarf von € 1 Million und dadurch in vielen Fällen mit den negativen Wirkungen einer Überfinanzierung zu kämpfen. Und trotz dieser Betragshöhe wird es in Einzelfällen erneut zu Unterfinanzierungen kommen. Dieser kurz skizzierte Gedankengang zeigt, dass die Schließung von Regelungslücken keinen Sinn hat. Crowdinvesting braucht eigene Regeln!

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